Erntedank 2015 den Wandel mitgestalten Astrid und Norman Gartenpolylogtagung 2016 Astrid und Norman Erntedank 2018 2013 gemeinsam am Tempel bauen 2013 Gemeindefest 2012 Prozession zum Elsbeerpflanzloch Workshop Norman Gartenpolylogtagung Tunneleinweihung Tunneleinweihung 2015 Sabine und Gundl ReBoLa-Team 2017 ReBoLaErnte Paulus und Paula 2013 Norman und Copilot Wolfgang Hiden Norman Pfarrer Erntedank 2014 Muttertag2012 Elsbeere Muttertag 2012 Elsbeere mit Nora Franz Steiner und Wolfi 2013 mit Astrid und Julie Lindenpflanzung2008 Lindenloch2008CIMG0720

Kirchenmusik mit Nora, Franz und Wolfi Kirchenmusik 2012 Kartoffelnsetzen mit Arami und Frieda Julie auf Papas Schultern Gemeindefest 2013 FranzvonSales1 2016LeiterwagenErntedankKlimabündnisbetrieb

Villach, am 14.4.2019

Genau 5 Wochen ist es nun her, dass mich die Nachricht von einem Flugzeugabsturz in Afrika zusammenzucken ließ. Seither ist nichts mehr wie es war. Das Unfassbare begreiflich zu machen, gelingt nur sehr schwer. Auf Schritt und Tritt begegnet man Menschen, denen es ähnlich geht. Selbst bei denen, die ihn nur flüchtig gekannt haben, sitzt der Schock tief.

Ein klein wenig hatte ich mich schon zu Beginn des Jahres mit dem Thema Loslassen zu befassen, weil ich mich gezwungen sah, mich nach 11 intensiven Jahren vorübergehend aus dem ReBoLa-Geschehen zurückzuziehen. Aber auf diese Dimension des Loslassens war ich nicht annähernd vorbereitet.

Aus der Trauer und der Ohnmacht heraus und vielleicht auch um die damit einhergehende Sprachlosigkeit zu überwinden ist bei mir in den letzten Tagen das Bedürfnis erwachsen, Norman Tendis, Obmann des Vereins „Regenbogenland“ und Pfarrer der Evangelischen Pfarrgemeinde St. Ruprecht bei Villach hier auf meine ganz persönliche Weise zu würdigen.

Im Jänner saß Norman in unserem Wohnzimmer auf dem Sofa und nahm meinen Entschluss, mich dieses Jahr sowohl aus dem ReBoLa- als auch dem Pfarrgemeindegeschehen auszuklinken, mit mäßiger Begeisterung zur Kenntnis. Als ich ihm im Laufe des Gesprächs die letzte Pfütze Tee aus der Thermoskanne eingeschenkt hab, meinte er grinsend: „Du gibst mir wieder mal den Rest!“

Seit dem 10.3. frage ich mich nun andauernd, wer da wem den Rest gibt …..

Einer der wichtigsten Menschen ist aus meinem Leben einfach so mir nichts dir nichts verschwunden. Nicht nur aus meinem Leben, aus dem Leben vieler Menschen. Ausgerechnet derjenige, zu dem ich gehen wollte, wenn mich einmal die Trauer übermannen sollte.

In so vielen Lebensbereichen hat Norman für mich eine Rolle gespielt, gab es Berührungspunkte, als Pfarrer und Seelsorger, als Verbündeter in dem Bemühen, die Welt ein klitzekleines bisschen besser zu machen, als ReBoLa-Obmann, als Mitträumer, als Bandleader, als Freund.

Da war so vieles an ihm, das man einfach gern haben musste:

seine Heiterkeit
seine Gelassenheit
seine Zuversicht
seine Träumereien
seinen Scharfsinn
seinen Weitblick
seine Vielseitigkeit
seinen Humor
seine Warmherzigkeit
sein Zuhören-Können
seine Musikalität
seine Familie
seine „Gangsterkarre“

Bei unserer letzten Begegnung am Dienstag vor seiner Abreise, erzählte er mir vom Verlauf der ReBoLa-Jahreshauptversammlung, die ich diesmal ja ausnahmsweise gespritzt hatte. Er hatte dort im Hinblick auf meine Auszeit die Geschichte von einem afrikanischen Dorf erzählt, indem ganz plötzlich der Pfarrer abhandengekommen war. Nach anfänglicher Verzweiflung darüber, wie es denn nun weiter gehen sollte, sind einige hinter dem Ofen hervorgekrochen und haben bei sich Fähigkeiten entdeckt, von denen sie zuvor gar nichts wussten, was letztlich dazu geführt hat, dass viel Neues und Gutes entstanden ist. Aus heutiger Sicht, hört sich diese Geschichte ganz anders an.

Auch wenn Normans Leben ein viel zu frühes Ende gefunden hat, lässt sich eines mit Sicherheit sagen. Er hat es keinesfalls verwirkt. Wahrscheinlich hat er in den 51 Jahren sogar mehr bewirkt, als so mancher, dem ein weitaus längeres Leben beschieden ist. Fest steht für mich auch, dass vieles von dem, was er angeregt hat, weiterwirken wird. Noch bin ich in meiner Traurigkeit gefangen, erscheint mir alles irgendwie mit einem Mal sinnentleert, aber ich denke auch an die vielen Menschen um mich herum, die sich alle einig darin sind, dass es weiter gehen muss und wird und finde darin ein wenig Trost. Ja, er fehlt an allen Ecken und Enden. Erst nach und nach wird uns die Tragweite seines Verlusts bewusst werden. Bei all den Erinnerungen an Situationen, Begegnungen, Begebenheiten, die schön und schmerzlich zugleich sind, taucht immer wieder das Plakat, das über seinem Besprechungstisch hing, vor mir auf. „Sei realistisch, plane ein Wunder!“ Ich glaube, dass er genau das immer wieder versucht hat, und gar nicht so selten, ist es ihm geglückt.

Als ich vor 17 Jahren in diese Pfarrgemeinde geraten bin, stand bei mir gerade die Überlegung, aus der katholischen Kirche auszutreten, im Raum. Der Eintritt in den St. Ruprechter Gospelchor, damals geleitet von Manfred Pernull, der seit seinem 13. Lebensjahr auch Organist der Pfarrgemeinde ist, ermöglichte mir, auf unverfängliche Art und Weise zu beobachten, wie hier Kirche gelebt wurde. Und das, was ich zu hören und sehen bekam, gefiel mir außerordentlich. Es gefiel mir so gut, dass ich noch mal die Kurve gekratzt habe, und zwei Jahre später – statt auszutreten – mit samt Mann und Kinderschar konvertiert bin. (Normans Kommentar damals war: „Wenn da gleich 6 konvertieren, ist mir das schon einen Hausbesuch wert!“ Gesagt getan, kurze Zeit später hat wir ihn mit Astrid und Baby-Arami beim Abendessen zu Gast.)

Da war gleich mehreres, was mich fasziniert hat.

Zum einen Normans feine, unaufdringliche Art, Glauben zu vermitteln. Eine Art, die nicht einengt, sondern befreit, und es einem möglich macht, seine eigene individuelle Spiritualität zu entwickeln. In einem unseren ersten Glaubens­gespräche meinte er, das mit der Religion sei in etwa so wie mit einem Geländer. Es ist immer da, wenn man das Bedürfnis hat, sich anzuhalten. Wenn man das Gefühl habe, ohne gehen zu können, sei das auch ok.

Aber vor allem der Umstand, dass er keinen Hehl daraus gemacht hat, dass die Bewahrung der Schöpfung eines seiner ganz zentralen Themen ist, ließ ihn sich für mich gewinnen. Endlich war da einer, der die Dinge ähnlich sah wie ich. Burgi Eder, die Kuratorin von der Einöde, unserer Tochtergemeinde, hat ihn bei dem Gedenkgottesdienst einen „sanften Rebellen“ genannt. Und ich finde, das trifft es ganz gut. Bei seinen sonntäglichen Ermunterungen, den notwendigen Wandel mitzugestalten, wollte er es aber keinesfalls bewenden lassen. Der Gefahr, als Sonntagsredner oder gar Dampfplauderer in die Geschichte einzugehen, hatte er über die Jahre einiges entgegenzusetzen. Sei es mit all den Veranstaltungen, die er im Rahmen von WIDL (Wirtschaft im Dienst des Lebens) organisiert hat, oder mit der Gründung des Ökostrompools, der übrigens weiterhin besteht, oder auch ganz praktisch, mit der thermischen Sanierung von Pfarrhaus und Pfarrbüro und der Umstellung von Ölheizung auf Pellets.

Kein Wunder also, dass in mir bald mal der Wunsch erwacht ist, ihn in seinen Bemühungen zu unterstützen. Und die Gelegenheit dazu sollte nicht lange auf sich warten lassen. Als ich mich eines Tages bei ihm entschuldigte, weil ich die WIDL-Veranstaltungen so unregelmäßig besucht hatte, meinte er gnädig, er wisse schon, wie ich das wieder gut machen könne, ich bräuchte nichts weiter tun, als bei der anstehenden Pfarr-Gemeindevertreter-Wahl zu kandidieren. Mein Einwand, ich wäre ja ganz neu in dem Laden, und so wirklich fromm sei ich auch nicht, wischte er mit dem Kommentar: „Das tut nichts zur Sache. Ich brauch Leute mit grüner Gesinnung.“ vom Tisch. Mein Mann bemerkte, konfrontiert mit dieser Idee: „Überall wo der Rauch aufgeht musst du dabei sein.“ Und weiteres, nachdem ich ihn darüber aufgeklärt hatte, dass man sich mit dieser Funktion lediglich zwei Sitzungen im Jahr einhandeln würde, bekam ich noch: „Dabei bleibt’s doch nicht.“ Zu hören. Wie so oft, sollte er recht behalten.

Da waren zum einen die beiden überaus liebenswürdigen Gemeindevertreterkolleginnen Gundl Rathke und Sabine Gfreiner und zum anderen ein 9000m² großes Grundstück, praktisch ungenützt und im Besitz der Pfarrgemeinde. Ein riesiger Abenteuerspielplatz, er bald schon auf den Namen „Regenbogenland“ hören sollte.

Während wir eigentlich alle Hände voll zu tun hatten, den Auftrag der Pfarrgemeinde, nämlich ein Drittel des Areals so umzugestalten, dass es von der Pfarrgemeinde genützt werden kann, hat uns Astrid, Normans Frau, einen weiteren Floh ins Ohr gesetzt, den wir zunächst einmal einige Jahre als Vision mit uns herum tragen sollten. Geschehen ist dies ganz einfach, in dem sie uns das Buch „Wurzeln schlagen in der Fremde“, das Standardwerk zum Thema „Interkulturelle Gärten von Christa Müller in die Hand gedrückt hat.

Astrid darf hier in mehrfacher Hinsicht nicht unerwähnt bleiben. Sie hat die Pfarrgemeinde ganz entscheidend mitgeprägt. In ihr hatte Norman all die Jahre eine kongeniale Partnerin, die vieles gemeinsam mit ihm entwickelt hat, die ihr kreatives Potential auf großzügige und vielfältige Weise über die Pfarrgemeinde ergossen hat, was dieser nicht zum Nachteil gereichte. Dank ihr trägt unsere Pfarrgemeinde den Regenbogen im Logo, die Regenbogengottesdienste sind auf ihrem Mist gewachsen, und sie ist somit auch indirekt für den Namen unseres Gemeinschaftsgartens verantwortlich. Sie hat die „Frauenzimmer“ ins Leben gerufen, uns gemeinsam mit Christian Moser alias Paula & Paulus zum Lachen gebracht u.v.m.. Nicht selten hat Norman in einer seiner Predigten gemeint: „Wenn ihr euch fragt, wo ich die vielen guten Ideen her hab. Die sind alle von meiner Frau.“

Als wären die beiden nicht schon toll genug, haben sich in den darauffolgenden Jahren auch noch jede Menge Kinder eingestellt. Arami hat sich schon aufgrund ihres Geburtsdatums, dem 24.12., gleich von Beginn an in die Herzen vieler geschlichen. Mit Frieda verbindet mich u.a. eine kleine Episode aus Babytagen, an die sie sich vermutlich kaum erinnern wird, die mich aber sehr berührt hat. Als Astrid und Norman beim Interkulturellen Straßenfest in der Gerbergasse in Villach für ihren Auftritt mit jüdischen Liedern auf die Bühne mussten, wurde mir Klein-Frieda einfach in die Hand gedrückt, und es wunderte mich sehr, dass sie das ohne mit der Wimper zu zucken akzeptierte oder zumindest gute Mine zum bösen Spiel machte. Julie, deren Lieblingsplatz solange es ihr Gewicht erlaubte, wenn mich nicht alles täuscht, auf Papas Schultern war, ließ im Kindergarten als sie rund um Vatertag gefragt wurde, was ihr Papa denn am liebsten mache mit der Bemerkung: „Heiraten“ aufhorchen.

Es hat sich gut angefühlt, Norman, Astrid und die Kinder im Pfarrhaus zu wissen. Es war schön, den drei Mädchen beim Wachsen zuzuschauen, ihr Kinderlachen im Garten zu vernehmen, und sie bei ihren Regenbogenland-Erkundungen zu beobachten. Kein Wunder also, dass ich mich mit dem Gedanken an ihren Auszug zunächst gar nicht anfreunden konnte. Nun bin ich sehr froh darüber, dass Norman seine Familie rechtzeitig „in Sicherheit“ gebracht hat, dass es einen Ort gibt, wo sie zu Hause sind.

Anekdoten gibt es genug, viele von uns haben welche parat und werden sie hoffentlich auch in Zukunft da und dort zum Besten geben. Mir gefällt besonders gut eine Geschichte, die ich nur vom Hörensagen kenne, und zwar wie Norman den Herrn Prof. Bernhard Ungericht kennengelernt hat, den Mann, mit dem er dann den Verein WIDL gründen sollte. Besagter Professor hatte seinerzeit die Ehre bei der Jahreshauptversammlung von ATTAC Österreich einen Vortrag halten zu dürfen. Im Anschluss daran war ausgemacht, dass er mit einem Freund, der Norman offensichtlich von hinten zum Verwechseln ähnlichsah, ein Bier trinken gehen würde. Im Vorbeigehen gab er dem vermeintlichen Freund einen Klaps auf den Hintern, um ihn an die Verabredung zu erinnern, ohne sich umzudrehen, um den Irrtum bemerken zu können. Erst als er ins Gasthaus kam und seinen Freund bereits dort sitzen sah, fiel es ihm wie Schuppen von den Augen, und er beschloss, sich artig zu entschuldigen. Norman meinte darauf schmunzelnd: „Ach das passiert mir als evangelischem Pfarrer öfter. Meist handelt es sich dabei allerdings um katholische Kollegen.“ Der Beginn einer langjährigen Freundschaft und Zusammenarbeit.

Von Anfang an hat sich mir immer wieder mal die Frage aufgedrängt, was ein Mann von diesem Format, in einem solchen „Kaff“ wie St. Ruprecht zu suchen hat (auch wenn mein Mann diesen Ort in den letzten Jahren immer wieder gerne mit leicht spöttischem Unterton als „Epizentrum“ bezeichnet hat….) und ob er nicht vielleicht zu Höherem berufen sei. Verbunden damit, schwang ein wenig die Sorge mit, dass wir ihn womöglich eines Tages verlieren könnten, was wiederum mein Bestreben, ihm den Rücken zu stärken, befeuerte. Dass er sich seit einigen Jahren als Abgesandter des Weltkirchenrats auf internationalem Parkett bewegt hat, verwunderte mich also keineswegs und war in gewisser Weise beruhigend. Denn so würde er uns wohl auch weiterhin erhalten bleiben. Und das war wohl eine weitere Stärke von ihm. Er verkörperte einerseits den Erdverbundenen, Bodenständigen, wenn auch nicht unbedingt Gasthaustauglichen, hat aber andererseits auch gerne über den eigenen Tellerrand hinausgeblickt, und versucht, das Große und Ganze in den Blick zu bekommen. Dass ihm nun dieses Engagement, nämlich sich weltweit für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung einzusetzen zum Verhängnis wurde, und ausgerechnet er, der er nicht müde wurde, sich vehement gegen wie immer geartete Profitgier einzusetzen, dieser zum Opfer fiel, ist schwer zu ertragen.

Während wir also ganz „gemütlich“ unser ReBoLa-Projekt vorangetrieben haben, hatte Norman abgesehen von „Nur noch kurz die Welt retten“ auch noch eine ganze Menge anderer Baustellen. Das ist nicht nur, aber auch, wörtlich zu nehmen. Gemeinsam mit seinem Lieblingscopiloten Wolfgang Hiden, lange Jahre hindurch Kurator der Pfarrgemeinde, hat er zunächst beim Umbau vom Stadl zum Gemeindezentrum im „Kleinen“ Baustellenerfahrung gesammelt, um dann in weiterer Folge, wohl überlegt und dementsprechend von Erfolg gekrönt, die Kirche zu erneuern.

Wenn man die vergangenen Jahre gedanklich Revue passieren lässt, stellt man fest, es war eine verrückte Zeit. Verrückt im Sinne von intensiv, aber auch im wahrsten Sinne von verrückt. Oft wurde ich gefragt, warum wir es so eilig haben, warum wir auf so hohen Touren laufen. Vielleicht ist Normans früher Tod die Antwort darauf. Es war einfach so verdammt wenig Zeit…

Norman wurde nicht müde, immer wieder zu betonen, dass er keinesfalls an einer „One Man Show“ interessiert sei. Deshalb war es ihm auch so wichtig, dass nicht von der Pfarre St. Ruprecht, sondern von der Pfarrgemeinde St. Ruprecht die Rede ist. Gemeinsam mit allen, die guten Willens sind, wollte er an dem „Tempel“ bauen.

Es wäre schlichtweg gelogen, zu behaupten, dass meine Zusammenarbeit mit ihm bei all dem grundsätzlichen Konsens, der geherrscht hat, immer ganz reibungslos verlaufen wäre. Wir haben es uns gegenseitig bei aller Wertschätzung nicht immer leicht gemacht. Norman, seines Zeichens eigenen Angaben zufolge staatlich geprüfter „Zwischen-den-Stühlen-Sitzer“, sah sich immer wieder inmitten von Interessenskonflikten und hatte zeitweise Probleme mit den verschiedenen Hüten, die ihm je nach Rolle, die er gerade innehatte, aufgesetzt wurden. Für ihn, der er ja permanent dreifach gebucht war, stellte meine Art der Kommunikation, Entscheidungen herbeizuführen bzw. Dinge zu entwickeln, sicherlich eine Herausforderung dar. Dabei hat mein zeitweiliges Email-Bombardement sicher immer wieder mal die Zumutbarkeitsgrenze überschritten. Hier und da hat, vermute ich mal, nicht viel gefehlt, und ich wäre im Spam gelandet. Und wenn ich ihm wieder einmal in meiner unerbittlichen Art verklickert hab, dass er schon drauf achten muss, das zu leben, was er predigt, da er sonst Gefahr läuft, unglaubwürdig zu werden, kam postwendend die entwaffnende Antwort: „Ja, ja, ich weiß. Ich kann noch so viel von mir lernen…“ Von Zeit zu Zeit haben wir uns gegenseitig die Leviten gelesen und sind uns dabei nichts schuldig geblieben, aber zum Schluss stand immer das Verbindende über dem Trennenden, und das war schön.

Ich habe in ihm oft den Tellerjongleur gesehen, der alle Mühe hatte, dafür zu sorgen, dass die Teller, die er angeschupft hatte, nicht ins Trudeln geraten. Von Zeit zu Zeit erweckte er bei mir auch den Eindruck, trotz all der vielen sozialen Kontakte, der vielen Menschen, die ihn umgaben, in gewisser Weise einsam zu sein. Einsam, weil er sich missverstanden oder im Stich gelassen gefühlt hat. Oft hätte ich mir gewünscht, dass sein Engagement auf mehr Resonanz gestoßen wäre, sei es bei seinen Predigten oder sonstigen Veranstaltungen, wie beispielsweise das hochkarätig besetzte Reformationsfest auf der Burg Landskron anlässlich des Reformationsjubiläumsjahres 2017. Norman hat sich selbst gerne als „Allround-Dilettanten“ bezeichnet. Dank seiner schnellen Auffassungsgabe war es ihm möglich, in vielen Bereichen mitreden zu können, ohne sich damit bis ins kleinste Detail beschäftigt zu haben. Was nicht heißen soll, dass er sich nicht auch mit vielen Themen sehr ernsthaft und fundamental auseinandergesetzt hat. „Dienst nach Vorschrift“ war ein Fremdwort für ihn. Nicht selten ist er dabei an die Grenzen seiner Belastbarkeit gegangen. Trotzdem hatte er oft das Gefühl, dass noch immer vieles zu kurz kam, dass er vielen etwas schuldig bleiben musste, nicht zuletzt auch seiner Familie.

Als wir das Regenbogenland 2014 in einen Verein übergeführt haben, war es für mich nur logisch, dass Norman zum Obmann desselben „gekürt“ werden würde, selbst wenn das die Absicht, den Gemeinschaftsgarten mit der Vereinsgründung auf neutralen Boden zu stellen, auf den ersten Blick konterkariert hat. Jeder der Norman gekannt hat, weiß, dass er seine missionarischen Triebe sehr gut unter Kontrolle hatte, und so schien uns seine Wahl eine gute. Schließlich ist das ReBoLa auf seine Initiative entstanden, war also auch sein Baby, und darüber hinaus war er der Garant dafür, dass die Verbindung zur Pfarrgemeinde auch weiterhin aufrecht bleiben würde.

Ich denke, er hat es durchaus genossen, dass die Verbundenheit mit der Schöpfung vor seiner Haustür gelebt wurde, dass wir zu Erntedank mit eigenem Gemüse aufwarten konnten. Immer wieder mal hat er durchklingen lassen, dass er uns darum beneidet, dass wir so viel Zeit in der Erde wühlend im Garten verbringen können. Dabei hatte es Zeiten gegeben, wo er höchstpersönlich unter den skeptischen Blicken seiner Töchter die Furchen für die Kartoffeln gezogen hat.

Dass sich im Regenbogenland neben dem „Interkulturellen Garten“ mit den Jahren auch eine „Solidarische Landwirtschaft“ breit gemacht hat, war ganz in seinem Sinne, hat er sich doch weltweit für eine lebenspendende, kleinstrukturierte Landwirtschaft eingesetzt. Im November vergangenen Jahres wurde in unserem Gemeindezentrum der Tag des Biolandbaus abgehalten. Dort wurde eine Studie präsentiert, wonach eine 100%-ige Versorgung der österreichischen Bevölkerung mit heimischen, biologisch erzeugten Lebensmitteln möglich ist. Norman sollte als Hausherr ein paar Worte zur Begrüßung sagen. Diese Gelegenheit nützte er für eine feurige, viertelstündige Ansprache, in der er dem staunenden Publikum seinen Unmut über die Bezeichnung „Bio“ kundtat. Jahrtausende lang hätte der Mensch im Einklang mit der Natur Ackerbau betrieben. Und wenn man sich in der jüngeren Menschheitsgeschichte auf diesen Irrweg begeben habe, zu glauben, dem Boden unter Verwendung von Kunstdünger, Insektiziden und Pestiziden das Letzte abverlangen zu müssen, dann wäre es doch nur recht und billig, wenn diese Produkte einer Zertifizierung, einer speziellen Kennzeichnung bedürfen und nicht die, die nach althergebrachter Tradition und somit in eigentlichem konventionellem Anbau erzeugten Lebensmittel. Die Devise: „Man ist, was man isst!“ war oft aus Normans Munde zu hören.

Apropos „sanfter Rebell“: Mitunter konnte er auch recht scharfzüngig sein. So zum Beispiel in einer seiner letzten Predigten, als er unseren Innenminister staatsfeindlicher Agitation bezichtigte und daraus schlussfolgerte, dass dieser Mann dringend abgeschoben werden sollte. „Und zwar“, so Norman „- sind wir einmal großzügig – in eine Diktatur seiner Wahl.“

Auch wenn Norman uns bei einer der letzten Gemeinde­vertreter­sitzungen am Rande darauf hingewiesen hat, dass es sich bei Pfarrern für gewöhnlich nicht um eierlegende Wollmilchsäue handelt, war nicht zu übersehen, dass er reichlich mit Talenten gesegnet war, auch solchen, die Hochwürden nicht gezwungenermaßen mit sich bringen muss. Da waren zum einen seine Sprachkenntnisse, um die ich ihn sehr beneidet, und zum anderen seine Musikalität, für die ich ihn sehr bewundert habe. Von letzterer hat St. Ruprecht von der ersten bis zur letzten Minute profitiert. Wie oft hat er in diesem Zusammenhang darauf hingewiesen, dass es sich in Afrika bitter rächt, wenn man Gottesdienste schwänzt, weil man dann die neuen Lieder versäumt und beim nächsten Mal hoffnungslos überfordert ist, während man sich hierzulande getrost nur alle paar Jahre in der Kirche blicken lassen muss, da vielerorts seit Jahrhunderten immer dasselbe gesungen wird. Von seinen Afrikareisen hatte er in den letzten Jahren auch reichlich neues Liedgut mitgebracht, einen“ Schatz, den er bei Gelegenheit zu heben“ gedachte.

Und auch hier hat er sich nicht damit begnügt, in der eigenen Pfarrgemeinde Impulse zu setzen, ein neues, modernes Liedgut zu etablieren, sondern sich vor einigen Jahren dafür stark gemacht, dass die Stelle eines Diözesankantors geschaffen wird, der u.a. damit betraut ist, Popularmusik in die Pfarrgemeinden zu tragen.

Unzählige Menschen hat er im Laufe der Jahre mit seiner Begeisterung für die Musik angesteckt. Viele waren Teil der Kirchenband „Hopefactory“, die hoffentlich auch weiterhin bestehen bleibt. So wie Wolfgang Gfreiner, der durch Norman ermuntert wurde, Saxophon zu spielen, habe ich dank Norman das Trommeln für mich entdeckt. Da war die Trommelgruppe, zunächst geleitet von Winfried Strohmeier, dann eine Zeit lang von Norman selbst, bis er Paulos Worku dafür gewinnen konnte.

Normans große Leidenschaft galt bekanntlich der brasilianischen Popularmusik. Noch bevor er nach Kärnten kam, hatte er Gelegenheit während eines 4-monatigen Aufenthaltes in Brasilien, der ihn, aber auch Astrid sehr geprägt hat, nicht nur das Leben der Landlosen, sondern auch stadionfüllende Bands wie „Banda Eva“ kennen und lieben zu lernen. Als er einige Jahre später auf die Percussionistin Nora Schnabl traf, war klar, mit ihr würde er einen Versuch starten, eine eigene Band zu gründen, um genau diese Musik zu machen. Auf der Suche nach Leuten mit ein wenig Rhythmus-Gefühl sind die beiden dann unter anderem über mich gestolpert, und meine anfängliche hoffnungslose Überforderung wurde sukzessive von heller Begeisterung abgelöst. Der Bandname „Alegria Geral“, was so viel wie allgemeine Lebensfreude bedeutet, verfehlte seine Wirkung bei mir nicht. Ich habe es als ein Geschenk des Himmels empfunden, Teil dieser Combo, der auch Astrid und ihre Schwester Ulrike viele Jahre angehörten, sein zu dürfen. Auf intensive Probenjahre und zahlreiche Auftritte folgte eine Phase in der Norman von all dem „Wahnsinn“, der um ihn herum tobte, so sehr in Anspruch genommen wurde, dass er keinen Geist für „seine“ Musik hatte. Wenn ich dennoch wieder mal einen Auftritt organisiert hatte, war ich mir nie ganz sicher, ob ich damit nur mir selber einen Gefallen tat und der Rest der Partie zwangsbeglückt wurde. Aber dann konnte es passieren, dass Norman, der vormittags zwei Taufen und eine Hochzeit absolviert hat und dem die Erschöpfung ins Gesicht geschrieben stand, nach einem Gig bei einem Bier schmunzelnd meinte: „Jetzt ist der Akku wieder voll!“

Er hat das Leben geliebt, und es nach besten Kräften ausgekostet. Gerne erinnere ich mich an sein ermunterndes „Es gibt ein Leben vor dem Tod.“ Dieser Satz war wohl nicht zuletzt Ausdruck seiner Lebenslust.

Ich hätte ihn noch gern so vieles gefragt, Tiefschürfendes, aber auch Banales. Obwohl ich letztes Jahr arbeitsbedingt Tür an Tür mit ihm saß, bin ich z.B. nicht wirklich dahintergekommen, wann er seine Predigten geschrieben hat. Dabei waren die richtig gut. Ich hatte immer das Gefühl, dass er viel Grundlegendes verstanden und darüber hinaus auch die Gabe hatte, uns diese seine Weisheiten auf humorvolle, augenzwinkernde Weise zu vermitteln.

Es fällt mir schwer, ihn loszulassen. Ich vermisse ihn.

In Verbundenheit und großer Dankbarkeit für die gemeinsame Zeit

Silvia